Finanzstabilitätsbericht: EZB warnt vor Crash

Am Mittwoch, dem 28. Mai 2014, hat die Europäische Zentralbank ihren jüngsten Finanzstabilitätsbericht veröffentlicht. Darin warnt sie vor einem Crash vor allem der Aktienmärkte. Paradoxerweise machen die EZB Experten dafür die Höhenflüge von DAX & Co. verantwortlich. Hier sei zu viel spekulatives Geld unterwegs, so die Banker. Wenn Investoren dieses auf der Jagd nach neuen Chancen aus den Märkten nehmen, drohe ein Crash. In EZB-Bericht heißt es, ein „scharfer, ungeordneter Abbau von Kapital“ könne ausgelöst werden.

Crashpropheterie versus Kursgeschehen?

Die Warnung steht zwar in scharfem Gegensatz zu immer neuen Höhenflügen der Indizes, erst gestern hatte der deutsche DAX ebenso wie der US-amerikanische S&P 500 neue Allzeithochs markiert (DAX zuletzt über 9.956 Punkte am 29.05.14). Dennoch sind die nüchternen Volkswirte der EZB reiner Crashpropheterie, wie es sie immer wieder gibt, eher unverdächtig. Sie messen fundamentale Zahlen von börsennotierten Unternehmen, darunter die KGVs (Kurs-Gewinn-Verhältnisse) der im DAX vertretenen Blue Chips. Wenn diese ungewöhnlich hoch steigen, kann ein Crash drohen – die Unternehmen sind dann überbewertet, ihre Kurssteigerungen entspringen reiner Spekulation. Aktuell ist dieser Trend wieder einmal erkennbar, den es zuletzt Anfang 2007 gab. Kurz darauf erfolgte der steile Absturz. Vorerst jedoch dürfte der Dax die 10.000-Punkte-Marke knacken, denn so etwas ist obligatorisch. Nach der gestrigen EZB-Warnung allerdings brach er kurz um 0,3 % ein.

Hausgemachtes Problem

Die EZB darf sich dennoch, selbst wenn ihre Fachleute recht hätten, die Verursachung des Problems selbst auf die Fahnen schreiben. Erst die andauernden Leitzinssenkungen lockten das Geld in die Aktienmärkte, anderswo gibt es schließlich keine Renditen mehr. Allein die Ankündigung, dieses Jahr nochmals die Leitzinsen auf dann 0,1 % zu senken (aktuell: 0,25 %), beflügelte den DAX deutlich. Unabhängige Experten warnen schon länger vor einer Spekulationsblase speziell am Aktienmarkt. Sollte auch noch der Anleihemarkt schwächeln, der vielen Investoren als Diversifikationsvehikel gilt, fallen dessen Zinsen so sehr, dass Spekulanten Geld verlieren und bei der geringsten Unsicherheit an den Aktienmärkten ihre Positionen auflösen: Die Blase platzt. Die Europäische Zentralbank hält die Zinsen niedrig, um die europäischen Schuldenstaaten zu entlasten und hat wohl kaum eine Wahl. Dennoch ist das Spekulationsproblem hausgemacht.

Warnung vom Nobelpreisträger

Auch der vorjährige Preisträger des Wirtschafts-Nobelpreises Robert Shiller warnt aktuell vor einer Blase an den Aktien- und Immobilienmärkten. Er sei noch nicht in direkter Alarmstimmung, erklärte Shiler diese Woche in einem SPIEGEL-Interview, jedoch lägen die Aktienindizes in vielen Ländern der Welt auf einem unangemessen hohen Niveau. Vor allem um den Dow Jones und den S&P 500 macht sich Shiller Sorgen, denn die US-Wirtschaft ist nach seiner Auffassung noch viel zu schwach und anfällig für Störungen, um solche Preisexzesse in den Indizes zu rechtfertigen. Der Ökonom bezeichnete Preisblasen als generelle „gesellschaftliche Geisteskrankheit“. Ein unmittelbarer Absturz der Aktienmärkte steht jedoch laut den Berechnungen des Nobelpreisträgers noch nicht bevor. Er selbst hat ein zyklisch bereinigtes KGV entwickelt, das aktuell noch nicht zu hoch liegt. Shiller legt selbst in Aktien an und wählt hierzu Werte mit sehr niedrigem KGV, wobei er seit einiger Zeit auf den Energie- und Gesundheitssektor fokussiert. In Aktienindizes rund um den Globus ist er auch investiert, aus Finanz- und Technologieassets hat er sich zurückgezogen.

Trügerische Stabilität im Bankensektor

Der Finanzstabilitätsbericht der EZB geht mehr ins Detail und hat unter anderem den Zustand der europäischen Banken untersucht. Hier herrsche derzeit nur trügerische Ruhe, konstatieren die EZ-Banker. Viele Banken lassen zwar aktuell in einem scheinbar stabilen Umfeld keine Gefahren erkennen, sie sind aber nach Auffassung der Währungshüter zu wenig profitabel. Faule Kredite schlummern zusätzlich in vielen Bilanzen. Die EZB erwartet noch eine Wende – vorerst zum Schlimmeren. Immerhin mussten rund 50 % der europäischen Großbanken im zweiten Halbjahr 2013 einen Verlust ausweisen. Die unsicheren konjunkturellen Perspektiven bedrohen darüber hinaus die Kreditqualität in Europa, wie es im Finanzstabilitätsbericht der EZB weiter heißt.